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Heimkehr nach Kreuzberg

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Heimkehr nach Kreuzberg

Drei Ziegen und ein Ziegenbock. Ein paar Hühner, Enten, ein kleiner Hahn.

Sie verschwanden über Nacht aus ihrem Gehege am Viktoriapark, ohne dass jemand informiert war: Die Tierpfleger nicht. Die Öffentlichkeit nicht. Die BVV nicht.

Wobei der letzte Punkt der entscheidende war. Die Geschichte ist oft genug erzählt: Der Bezirk Friedrichshain-Kreuzberg muss sparen und setzte den Rotstift dort an, wo am wenigsten Widerstand zu erwarten war. Die Politik der Ungeduld wollte Tatsachen schaffen. Kein Hahn würde danach krähen, wenn der Mini-Tierpark abgeräumt wäre. So dachte … man weiß gar nicht, wer? Niemand aus der Verwaltung wollte sich zu dem rabiaten Akt bekennen, als sich herausstellte, dass es durchaus Einspruch gab.

In Windeseile hatte sich per Facebook eine Anwohnerinitiative gebildet, Eltern und Kinder mit Transparent „Wir wollen die Tiere zurück“ besetzten die Zuschauertribünen der BVV und brachten die Tagesordnung durcheinander, die eigentlich einen anderen Schwerpunkt vorsah: die Zukunft der besetzten Gerhard-Hauptmann-Schule. Per Dringlichkeitsantrag erzwang die SPD-Fraktion eine Entscheidung, die von allen BVV-Fraktionen angenommen wurde. Von allen BVV-Fraktionen? Nein, die Fraktion der GRÜNEN konnte sich nicht entschließen für den Erhalt des Tiergeheges zu stimmen und enthielt sich. Das Bezirksamt musste nach diesem Beschluss die Tiere wieder in das Gehege zurückbringen und dieses für Besucher weiterhin zugänglich machen. Außerdem sollte ein langfristiges Konzept zum Erhalt des Geheges erarbeitet werden.

Auf einmal ging ganz schnell, was angeblich unmöglich war: ein Betreiber wurde gefunden, der Pankower Verein „Vogelgnadenhof und Altenheim für Tiere“; ein Nutzungsvertrag wurde unterschrieben.

Am frühen Sonntagnachmittag konnten sich die AnwohnerInnen des Viktoriaparks davon überzeugen, dass die zwischenzeitlich in Marzahn untergebrachten Ziegen bei bester Gesundheit sind und ihrem Pfleger Norbert Heuer die Möhren nach wie vor aus der Hand fressen.

Die SPD Kreuzberg 61 war mit einem Stand vertreten und produzierte Buttons mit Kinderzeichnungen, auf denen auffällig häufig Ziegen zu sehen waren. Heftig vermisst wurden die Hühner und der kleine Hahn, der so eindrucksvoll kräht. Ihre Rückkehr aus dem fernen Dresden ist aber versprochen.

Fast alle Anwesenden haben entweder ihre Kindheit in Kreuzberg verbracht oder ihre Kinder hier aufgezogen oder sie wohnen um die Ecke. Es gab natürlich auch kritische Stimmen: Ob denn ein Tiergehege wichtiger sei, als das Schicksal der Flüchtlinge… Ob mit einer so populistischen Aktion nicht ein gewisser Niveauverlust verbunden sei… Für die Theoretiker unter uns: Emotionen sind ein neues Forschungsgebiet. Es geht um die Rolle, die Gefühlsentscheidungen in der Politik und im öffentlichen Leben spielen. Nicht die subjektiven Gefühle, die jemand als Privatperson hat, sondern die Affekte, die er mit anderen teilt, und aus denen – positive oder negative – Aktionen erwachsen. Sie ersetzen rationale Entscheidungen nicht, sondern bereiten sie vor. Die Rettung des Tiergeheges war ein positiver Affektschub, der eine Nachbarschaft auf die Beine brachte. Niemand wird ernstlich glauben, dass sich die Politik darüber hinwegsetzen darf.

Sybil Henning-Wagener

 

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